Von Luarca nach A Carida
Wetter: Graue Suppe am Vormittag, nachmittags Wolken und Sonnenschein
Ich versuche, mit so wenig Gewicht wie möglich unterwegs zu sein, d.h. ausser einer kleinen ‚Notration‘, wie z.B. ein paar Nüsse und Rosinen (und natürlich Wasser), trage ich in der Regel keinen Proviant mit mir herum. Stattdessen versorge ich mich in den Café-Bars am Weg. Da die in sehr unregelmässigen Abständen auftauchen, erfordert das grosse Flexibilität meinerseits bei der Befriedigung von Hunger und Durst.
Am Sonntag sind in Spanien viele Café-Bars geschlossen. Frühstücken und die Verpflegung während dieses Tages sind sehr unsicher.
Gestern hatte ich mit der Herbergsmutter in Luarca über dieses Problem geredet, aber sie versicherte mir, dass die Bar gegenüber der Herberge auch am Sonntag ab etwa 7 Uhr geöffnet sein. Dort würde ich vor meiner Tagesetappe Frühstück bekommen.
Etwa um 7:15 Uhr stand ich vor der Herberge, die Bar gegenüber war dunkel. Beim nochmaligen Hinsehen war mir, als wenn sich drinnen etwas bewegte. Als ich den Schankraum betrat – die Tür liess sich öffnen, drinnen war Schummerlicht – sassen etwa ein halbes Dutzend Männer am Tresen vor Expressotassen, dahinter hantierte der Wirt mit der Kaffeemaschine. Der Wirt frage mich nach meinen Wünschen und ich bestellte ein einfaches spanisches Frühstück: Getoastetes Weissbrot mit Butter und Marmelade und dazu einen Kaffee. In kürzester Zeit bekam ich das Gewünschte. Um Punkt halb 8 ging das Licht (und der Fernseher) an und alles nahm seinen gewohnten Lauf.
Was hatte ich da erlebt? War das die Umgehung einer vorgeschriebenen Öffnungszeit von halb 8 Uhr? Es scheint so, aber ich werde es wohl nie erfahren.
Mein Wandervormittag war so aussergewöhnlich wie mein Frühstück. Die Wolken schienen auf den grünen Hügeln zu liegen, darunter war Nebel. Ich folgte weiter den gelben Pfeilen nach Santiago, stieg die Hügel hoch und wieder runter, aber konnte nicht sehen, wo ich eigentlich war. Irgendwo unterwegs ist das heutige Bild entstanden.

Mittags kam Wind auf und der Spuk war bald verschwunden. Und dann hiess es natürlich: Laufen, laufen, laufen. Gegen 17 Uhr erreichte ich mein Etappenziel, eine kleine Pilgerherberge am Rand eines Dorfes mit dem Namen A Carida. Nach Duschen und Wäsche waschen – wirklich trocken wird bei der sehr hoher Luftfeuchtigkeit schon seit Tagen nichts mehr – sass ich bald mit 4 anderen deutschen Pilgern am Tisch vor der Herberge. Eine spannendes Gespräch entwickelte sich, über unsere Erfahrungen auf dem Jakobsweg, über das nach Hause zurückkehren und den Schwierigkeiten/der Unmöglichkeit, etwas von dem, was wir unterwegs erlebt haben, den Daheimgebliebenen ohne Jakobsweg-Erfahrungen zu vermitteln. Ich habe die anderen Vier vorher nie gesehen, aber das Gespräch war wie das von Freunden, die sich schon lange kennen.
Auch das ist etwas, dass ich am Jakobsweg sehr mag.