Von A Carida nach Ribadeo
Wetter: Grau und sehr windig, gelegentlich Nieselregen. Es wird Herbst an der spanischen Atlantikküste, auch die spürbar gesunkenen Temperaturen deuten das an
Mit dem Erreichen des heutigen Etappenziels, Ribadeo, habe ich Asturien und damit den Weg entlang der spanischen Nordküste verlassen. Ab jetzt führt der Küstenweg in südwestlicher Richtung ins galicische Landesinnere und erreicht nach knapp 200 km Santiago de Compostela.
Meine heutige, meist verkehrsarme Strecke – die küstennahe Jakobsweg-Alternative – führte mich noch einmal an wilden, felsumsäumten Buchten und breiten Sandstränden vorbei. Mein heutiges Bild ist dort entstanden.

Ein 66-jähriger, gut Englisch sprechender Spanier, mir dem ich dort eine Weile gelaufen bin, beschrieb mir seine Vorstellung vom Pilgern: Allein laufen und ebenfalls allein in Hotels oder Pensionen übernachten, und dabei über spirituelle Aspekte des Weges nachdenken. Für ihn war seine Pensionierung, die ihm das ermöglicht, die bisher beste Zeit in seinem Leben.
Direkt vor dem Erreichen des heutigen Etappenziels, das galicische Städtchen Ribadeo, wartet auf den Pilger/die Pilgerin eine grosse Herausforderung: Die Überquerung der ausgedehnten Mündung des Rio Eo auf dem Fussgängerweg der knapp 600 m langen Autobahnbrücke ‚Puente de los Santos‘. Fünfunddreissig Meter über dem Wasser, nur mit einer ‚normalen’ Brüstung gesichert, bietet er einen grossartigen Blick über die Bucht und die Stadt. Da dort oben meist ein ordentliches Lüftchen weht – so war das auch bei meiner Überquerung – ist das nichts für Hasenfüsse.
Während des ersten Stücks der heutigen Etappe habe ich mich mit einer deutschen Krankenschwester unterhalten. Mitte 50, hatte sie kurz vor ihrer Jakobsweg-Wanderung ihren stressigen Job gekündigt. Sie wolle auf dem Camino darüber nachdenken, wie es für sie beruflich weitergeht. An dem Abzweig zur ‚küstennahen Weg-Alternative‘ hat sie sich plötzlich von mir verabschiedet, um den längeren Weg nach Ribadeo weiter im Inland zu gehen, der die Stadt mit einem grossen Umweg über eine weniger spektakuläre Brücke erreicht. Sie habe Höhenangst und könne nicht die ‚Puente de los Santos‘ überqueren, erklärte sie mir.
Die Pilgerherberge von Ribadeo ist am Rand des Städtchens; ich fand sie nicht wirklich einladend. Und so bin in die Altstadt gelaufen und habe hier direkt gegenüber der grossen Kirche ein gemütlich eingerichtetes Zimmer für 20 Euro mit Frühstück bekommen. Der Nachteil: das Zimmer ist im zweiten Stock ohne Fahrstuhl. Nach der langen, heutigen Tagesetappe… Nun ja, ich werde das Treppensteigen hoffentlich überleben.
Bald sass ich im Schankraum der Pension, im Erdgeschoss ist sie eine Restaurant-Bar. Die Wirtin, die mir das Zimmer vermietet hat, hatte mir eine GROSSE Tasse schwarzen Tee mit Milch zubereitet. Was für ein Genuss!
Ich habe mein eigenes Zimmer genutzt für Körperpflege und für das Trocknen meines Rucksackinhalts. Ersteres kommt bei den knappen, sanitären Anlagen in den Pilgerherbergen oft zu kurz. Letzteres ist in den meist vollen Herbergen nicht möglich.
Grüsse aus dem ‚Paradies des Tages‘ sendet Arnd