17. September 2018 – Tag 19

Von Llanes nach Ribadesella

Wetter: Den ganzen Tag bedeckt aber trocken, die Temperaturen waren sehr angenehm zum Wandern 

Am Sonntag sind in Spanien fast alle Bars geschlossen; um 7 Uhr morgens sowieso. Und so bin ich mal wieder ohne Frühstück im ersten Licht des Tages zu meiner heutigen Wanderetappe aufgebrochen. Vom Stadtrand führte der Weg an den Rand der Steilküste. Faszinierende Ausblicke aufs Meer und in meinem Rücken auf die wolkenverhangenen Berge entschädigten mich für den anstrengenden Aufstieg. 

Nach etwa 3 km erreichte ich das Dörfchen Poo. Als ich an der kleinen, gemütlich aussehenden, privaten Pilgerherberge vorbeikam, habe ich spontan dort angeklopft und den Herbergsvater gefragt, ob er ein Frühstück für mich hätte. Mit einem netten Lächeln hat er das bejaht und mich ins Haus eingeladen. 

Auf einer überdachten Terrasse hinter dem Haus bekam ich einen grossen Milchkaffee, dazu frisches Weissbrot und ein Schüsselchen gehackte Tomaten in Ölivenöl. Was für ein tolles, unerwartetes Geschenk! Von meinem Platz an einem grossen Tisch konnte ich in den Garten schauen, mit Blumen, Gemüse und einem kleinen Hühnerstall mit einem halben Dutzend Hühnern. Wie gern hätte ich dieses Haus mit dem Garten und dem Hühnerstall in Basel! 

Während meines Frühstücks habe ich mich mit einer Kanadierin unterhalten, die ich schon einige Male vorher getroffen habe. Sie läuft sehr langsam, aber dafür sehr viele Stunden pro Tag. Auch sie hofft, in ihrem Rhythmus Santiago de Compostela zu erreichen. 

Gesättigt und glücklich bin ich weitergezogen, auf einem sehr abwechslungsreichen Weg zu meinem heutigen Etappenziel, dem Küstenstädtchen Ribadesella. Ein Kloster und zwei Kirchen habe ich mir unterwegs angesehen. Und natürlich bin ich ein paar Mal eingekehrt, um Durst und Hunger zu stillen. 

Iglesia de Nuestra Señora de los Dolores de Barro

Es gibt Tage, an denen ich für lange Zeit allein mit mir bin. Ich geniesse das und die Musse, über Dieses & Jenes nachzudenken. Heute bin ich ein paar Stunden mit einer Gruppe von 4 Franzosen in etwa meinem Alter unterwegs gewesen, die ich schon seit einigen Tagen immer wieder treffe. Das Gespräch mit einem der Vier – er spricht gut Deutsch – über unsere Lebensgeschichten, war spannend und erreichte sofort eine Tiefe und Intensität, wie man es auch unter guten Freunden selten erlebt. 

Nachmittags war ich mit einer anderen Gruppe von Franzosen unterwegs, die ich auch schon seit etlichen Tagen kenne und mit denen ich immer wieder Gespräche führe. Die meisten sind etwas älter als ich; ein Ehepaar gehört dazu. Da ich kein Französisch kann und sie kein Deutsch, unterhalten wir uns so gut es geht in Englisch. Der Ehemann ist 71 und ausgesprochen fit.  Er hat zwei künstliche Kniegelenke und ist mit denen ausgesprochen zufrieden. Endlich kann er wieder ohne Schmerzen wandern, erklärte er mir. Seine Frau, die in ein paar Monaten 70 Jahre alt wird, hat in den 70er Jahren als eine der wenigen Frauen Computerwissenschaften studiert und dann Computersoftware programmiert. Sie beschäftigt sich auch heute noch mit Computern, obwohl sind schon einige Jahre pensioniert ist. 

Auch mit einer Freundin der beiden, die mit ihnen hier unterwegs ist, habe ich mich lange unterhalten. Über den Jakobsweg, auf den alle in dieser Gruppe immer wieder zurückkehren, über unsere Lebensgeschichten, über die Probleme der Welt, über unsere Kinder mit der Frage, ob die in der Lage sein werden, diese Probleme zu lösen. Das waren ausgesprochen interessante Stunden. 

Am Etappenziel sind die Franzosen für eine Nacht in eine Pension gezogen, und ich in ein Jugendhotel etwas ausserhalb der Stadt. In Ribadesella gibt es keine Pilgerherberge. Auch in diesem Jugendhotel übernachten Pilgerbrüder und -schwestern, die ich während meiner Zeit auf dem Jakobsweg kennengelernt habe. Interessante Gespräche setzen sich auch hier fort.